{"id":449,"date":"2021-02-08T16:01:38","date_gmt":"2021-02-08T16:01:38","guid":{"rendered":"https:\/\/charly.froger.de\/?page_id=449"},"modified":"2021-02-08T16:01:38","modified_gmt":"2021-02-08T16:01:38","slug":"beethoven-und-die-wale","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/froger.de\/index.php\/beethoven-und-die-wale\/","title":{"rendered":"Beethoven und die Wale"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-450\" src=\"https:\/\/charly.froger.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/muschelfeld-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/froger.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/muschelfeld-300x225.jpg 300w, https:\/\/froger.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/muschelfeld.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>Beethoven und die Wale<\/strong><\/p>\n<p>Seit einer Woche ging ich jeden Tag in diese Kneipe. Sie lag einfach meinem Aufenthaltsort am N\u00e4chsten. Es h\u00e4tte auch irgendeine Andere sein k\u00f6nnen. Sie \u00f6ffnete um siebzehn Uhr und kurz darauf betrat ich das Lokal, setzte mich an den Tresen und bestellte mein erstes Bier, blieb dann ein paar Stunden und ging danach schlafen.<br \/>\nNach ein paar Tagen war es fast wie ein Ritual, ich setzte mich an den Eckplatz der kurzen Seite des Tresens bestellte mein Bier bei Gabi und so nach zwei Getr\u00e4nken kamen nach und nach die weiteren G\u00e4ste. Meist waren es immer die selben Personen, so wie ich schienen es alle Fl\u00fcchtlinge zu sein, Fl\u00fcchtlinge aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Sie lie\u00dfen sich ebenfalls am Tresen nieder. Jeder schien so etwas wie seinen Stammplatz an dem Schanktisch zu haben, vier Meter an der Langen und drei an der kurzen Seite. Gegen Acht waren fast alle Barhocker besetzt. Gabi, eine nette Mittvierzigerin, kannte fast alle mit Namen und wusste welche Getr\u00e4nke sie wortlos ihren G\u00e4sten servieren konnte. Ansonsten waren keine weiteren G\u00e4ste in dem kleinen Raum, die wenigen Tische meist unbesetzt und auch der Spielautomat auf dem Weg zu den Toiletten blinkte alleine vor sich hin.<br \/>\nNach einer Woche war ich kein Fremdk\u00f6rper mehr in dieser Runde. Nicht, dass man sich gro\u00dfartig unterhielt, ein wenig Politik und ein paar Beschwerden \u00fcber steigende Preise, das \u00dcbliche eben, es schien wie ein unausgesprochenes Gesetz zu sein, niemanden zu sehr in sein Privatleben einzudringen. Deswegen war man ja schlie\u00dflich auch hier, die Flucht vor Diesem. Das Besondere war, dass die sprachlosen L\u00fccken mit leiser klassischer Musik gef\u00fcllt wurden, kein Pop, kein Schlager, so bekam es etwas Niveau und es unterstrich die Zur\u00fcckgezogenheit der G\u00e4ste.<br \/>\nGabi, sie dr\u00e4ngte sich keinem mit \u00fcberzogener Heiterkeit auf, schien diese Atmosph\u00e4re zu sch\u00e4tzen, bewegte sich zielsicher hinter ihrem Tresen und schien selber ein Geheimnis zu bewahren. Aufmerksam f\u00fcr jede Nuance, aufmerksam jedem rechtzeitig das n\u00e4chste Getr\u00e4nk hinzustellen. Herrscherin ihres kleinen Karrees, keiner wagte sie schr\u00e4g anzusprechen.<br \/>\nIch war gerade mit meinem dritten Bier besch\u00e4ftigt, leise pl\u00e4tscherte das Allegro von Bachs Brandenburger Konzert, als ich folgendes beobachtete. Eine Fliege hatte sich herein gestohlen und hielt sich im Thekenbereich auf, setzte sich abwechselnd auf den Ein oder Anderen. Eine von diesen fetten, brummenden Viechern, selten zur Ruhe kommend, ziemlich nervend. Als sie vor mir auf dem Tresen verweilte, hob ich meine Hand und senke sie in Zeitlupe. Man muss wissen, dass Fliegen mit ihren Facettenaugen in der Lage sind schnelle Bewegungen wie in Zeitlupe zu sehen, langsame Bewegung kann sie \u00fcberlisten. Kurz \u00fcber ihr schlug ich dann zu. Das war es f\u00fcr sie gewesen. Alle blickten mich an.<br \/>\n\u201cEs h\u00e4tte die Reinkarnation meiner verstorbenen Frau sein k\u00f6nnen,\u201d hob ich an \u201cund sollte ich das Schicksal haben, sie in eine weitere Lebensstufe zu heben, so nehme ich das gerne an. Es ist schlie\u00dflich ein weiter Weg das Nirwana zu erreichen.\u201d<br \/>\nEinige verwunderte Augenpaare blickten mich an.<br \/>\n\u201cIhr kennt doch sicher die Weltanschauung der Buddhisten, nach dem Tod folgt die Wiedergeburt in ein h\u00f6heres aber auch tieferes Wesen, je nachdem wie einer gelebt hat. Unsere Seelen sterben nie, sie gehen nur in eine andere Lebensform \u00fcber.\u201d<br \/>\nDer Mann neben mir sah so aus, als ob er seiner Frau auch schon mal zu einer neuen Inkarnation verhelfen wollte.<br \/>\n\u201cDie Arroganz des Menschen besteht nur darin,\u201d fuhr ich fort, \u201czu glauben, dass wir die h\u00f6chste Lebensform sind, von der man dann, bei tadelloser Lebensf\u00fchrung, in das Nirwana eintreten kann. Vielleicht weil wir H\u00e4nde haben und zu handwerklicher Geschicklichkeit bis hin zur k\u00fcnstlerischer Entfaltung f\u00e4hig sind. Die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen ist es gewiss auch, die wir keiner anderen Spezies zutrauen, ein weiteres Merkmal dieser Arroganz. Und nicht zu vergessen nat\u00fcrlich die Musik, eine unserer grandiosesten kulturellen Errungenschaften. Sind wir in diesem Gebiet wirklich die alleinigen Herrscher? Ich glaube nicht.\u201d<br \/>\nMehrere ungl\u00e4ubige Augenpaare blickten mich an, aber niemand sagte ein Wort.<br \/>\n\u201cIch k\u00f6nnte euch eine Geschichte erz\u00e4hlen, die unglaubw\u00fcrdig scheint, habe sie aber selber erlebt.\u201d<br \/>\nWeiterhin keine Reaktion nur gespanntes Schauen. Gabi stellte mir unaufgefordert ein weiteres Bier hin und ich nahm das als Anlass weiterzusprechen.<br \/>\n\u201cVor nicht allzu langer Zeit war ich auf den Kanaren gewesen, genauer gesagt auf der Insel Gomera. Ich wollte einmal in meinem Leben leibhaftige Wale sehen und diese Inseln sind ein guter Platz daf\u00fcr. Am zweiten Tag hatte ich gleich eine Fahrt bei einem Deutschen gebucht. Er hie\u00df Bernd, betrieb schon seit Jahren mit seinen Motorboot Whalewatching, wie man heute sagt. Mit mir fuhren weitere f\u00fcnf Touristen am fr\u00fchen Morgen hinaus. Hinter uns verschwand der idyllische Hafen von San Sebastian im Morgennebel.<br \/>\nWir fuhren einige Meilen auf die hohe See. Der Skipper gab uns einige Verhaltensregeln, falls wir auf Wale treffen sollten, was nicht unbedingt immer der Fall ist, aber hier im Bereich des s\u00fcdlich abschwenkenden Golfstromes stehen die Chancen ziemlich gut und auch die Vielfalt der anzutreffenden Tiere ist sehr hoch.<br \/>\nDie Spannung stieg, zu sehen war aber nichts. Die Wellen rau und einer der G\u00e4ste musste sich \u00fcbergeben.<br \/>\n\u201cHaltet euch gut fest, wenn hier einer \u00fcber Bord geht, kann er schnell mal hinter dem n\u00e4chsten Wellenkamm verschwinden und ihn dann wieder zu finden ist nicht leicht.\u201d<br \/>\nNach einer weiteren halben Stunde kreuzen, entdeckte Bernd einige Delphine, die dann verspielt das Boot begleiteten. Welch eine Freude diesen Tieren zu zuschauen und dann tauchte pl\u00f6tzlich eine gro\u00dfer Schatten rechts neben dem Boot auf. Wir hielten den Atem an. Bernd rief: \u201dEin Buckelwal, ein riesiges Tier. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck.\u201d Mit bestimmt imposanten f\u00fcnfzehn Metern tauchte der Wal auf, beobachtete uns kurz und lie\u00df sich dann wieder sinken. Der leichte Schwung mit der R\u00fcckenflosse brachte das Boot etwas ins Schlingern. Noch mehr Schatten waren zu sehen. Wir waren auf eine Schule gesto\u00dfen. Ich h\u00f6rte wie Bernd noch sagte, Buckelwale geh\u00f6ren zu den Bartenwalen, als eines der Tiere aus dem Wasser sprang, jauchzen, Kameras klickten und mit einer gewaltigen Gischt landete das Tier wieder im Wasser. Die Welle traf das Boot seitlich, ich stolperte nach hinten und fiel \u00fcber die Reling.<br \/>\nBlaugr\u00fcnlich verschwommenes Licht, \u00fcber mir der Schatten des Bootes und neben mir ein noch gr\u00f6\u00dferer Schatten, der Wal. Er gleitete langsam n\u00e4her, eine leichte Ber\u00fchrung und dann der Blick in sein Auge. Dies sollte ein minderwertiges Lebewesen sein. Wer weiss denn schon, ob Wale nicht auch philosophieren, welche Geschichten sie sich untereinander erz\u00e4hlen und ihre Walges\u00e4nge, ist das nicht auch Musik. Von der Gr\u00f6\u00dfe her und der Eigenschaft lange unter Wasser tauchen zu k\u00f6nnen abgesehen, f\u00fchlte ich mich einem gleichartigem Wesen gegen\u00fcber. Immer mehr Wale schwammen auf mich zu, neugierig fast liebevoll. In meinem Kopf entstand Musik, ich sang oder dachte ich nur, aber es war Ton f\u00fcr Ton Beethovens Mondscheinsonate. Stundenlang hatte ich sie in meiner Trauerzeit geh\u00f6rt, ich konnte sie auswendig. Die Wale trieben um mich wie ein Gruppe sinnlicher Zuh\u00f6rer. Das traurig anmutende Adagio schienen sie zu f\u00fchlen. Ich glaube eine Tr\u00e4ne trat aus meinen Augen.<br \/>\nWie lange war ich schon unter Wasser, es kam mir vor wie Stunden, waren es doch nur Minuten. Ich hatte keine Luft mehr, musste an die Oberfl\u00e4che, mir wurde bereits schummerig vor Augen, dann schwarz.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen entdeckte man mich auf dem dunklen Sandstrand der Insel. Sie hatten mich bereits abgeschrieben, so viele Meilen vor dem Ufer, ein Wunder. Nicht f\u00fcr mich, meine neuen Freunde hatten sich gewiss sorgsam um mich gek\u00fcmmert, mich an diesem Ufer abgesetzt und waren jetzt wieder unterwegs in den Weiten der Meere. Das waren keine blo\u00dfen Tiere mehr f\u00fcr mich, es waren Lebewesen auf gleichem Niveau.<br \/>\nIch schaute meine Zuh\u00f6rer an. Einige schienen mich zu bel\u00e4cheln, andere dachten wahrscheinlich, ich sollte besser einen Therapeuten aufsuchen, aber gesagt hat keiner etwas, nur Gabi war beeindruckt. Auf die Frage, ob ich noch ein Bier wolle, verneinte ich und erblickte in diesem Moment eine vertraute Person im Halbschatten des Ladens. Sie winkte mir mit seinen Flossen zu, ich stand auf, bezahlte meine Getr\u00e4nke mit einem gro\u00dfz\u00fcgigen Trinkgeld und verliess das Lokal. Wir gingen wortlos Richtung Hafen. Es war dunkel, die Lichter einer fernen Barkasse tanzten \u00fcber die Wellen, kr\u00e4uselten sich und brachen sich am Kai. Ich legte meinen Mantel auf den Poller und sprang ins Wasser. Zuerst h\u00f6rte ich noch das sich entfernende Ger\u00e4usch einer arbeitenden Schiffsschraube, dann aber setzten sich wunderbare Kl\u00e4nge durch &#8211; Musik, zun\u00e4chst sp\u00e4rlich dann aus hunderten von Stimmen. Ein Orchester aus Walstimmen und sie intonierten die Mondscheinsonate.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beethoven und die Wale Seit einer Woche ging ich jeden Tag in diese Kneipe. Sie lag einfach meinem Aufenthaltsort am N\u00e4chsten. Es h\u00e4tte auch irgendeine Andere sein k\u00f6nnen. 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